Katalog | Text Ina Gille (deutsch) | (englisch) | "present - Malerei und Grafik 2007"

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Christl Maria Göthner

In ihrem Atelier ist alles Malerei, hier herrscht sie allein, ruhelos, zwanghaft. In den übrigen Räumen der Wohnung hängen ihre Bilder, präsentieren sich ihre keramischen Objekte, die Türen offen für Korrespondenzen jeder Art. Musik klingt auf, ihr Mann probt nebenan mit einem Kollegen für ein Konzert.
Das Arbeitspensum der Künstlerin ist enorm, kaum Pausen, es sei denn die, die das Leben vorgibt. An den Wänden des Ateliers lehnen hintereinander gestapelt ihre Bilder, die fertigen und die, die die darauf warten fertig zu werden. Die älteren sind in der großen Schrankwand verstaut. Seit die Künstlerin mit wasserlöslicher Ölfarbe malt, werden die bespannten Leinwände auf dem Fußboden bearbeitet. Kaum getrocknet, werden sie weggestellt, müssen neuen Platz machen, danach wieder hervorgeholt, weiter an ihnen gemalt. Es muss fließen, es muss von innen strömen, sagt sie, nichts wäre zu erzwingen. Die Malereien bereiten sich in ihr vor, sie fühlt sie mit ihrem Körper, wenn sie reif sind, müssen sie raus, dann kommen sie auch. Dauert es länger, kann sie misstrauisch werden, manchmal zerstört sie beim Überarbeiten mehr als sie gewinnt, es wäre schwierig, muss eben fließen, und dann kommt der Moment und ein Bild ist fertig...

Stadtbilder und Landschaftsräume, Blumenfülle und Porträts. Malereien wie hingetuscht, locker, leicht und doch voll Nachdruck, konzentriert auf eine inhaltliche Struktur. Die wassergelöste Ölfarbe lässt an Aquarelle denken, die sich verschleifenden Übergänge des Dargestellten bringen besondere Klänge in die Bilder, Grün und Blautöne, schwebendes Fortgleiten, Wanderungen, die Abstraktion in Reichweite, bleibt das sinnlich Fassbare bestimmend.
Sich hoch streckendes New York, die Straßen und Plätze über die Bildtitel benannt nach bekannten Songs. Im Vordergrund der Malereien freie Flächen, zum Horizont hin umstellt von den aufstrebenden Häusern. Grün, Blau und Ocker herrschen vor, Licht gleißt. Stadt der Ankunft, des Findens, der Mythos von der Neuen Welt bricht auf. Das andererseits bedeutet auch Abschied, heißt loszulassen, freizuwerden für Neues. Ein in viele Arbeiten eingeschriebenes Thema, in diesen Stadtbildern wird es besonders greifbar. Schemenhafte Figuren, darunter die Gestalt des Sohnes, der sein eigenes Land betreten muss. Wege die sich trennen, Aufbruch in verschiedene Richtungen, private Symbole, übertönt vom Farbklang des jeweils Bildganzen.
Die Bilder der eigenen Stadt sind ruhender. Hier kann schon ein einzelnes Haus zur Kathedrale werden. Orte zum verweilen, die Straßen und Räume von Licht und Luft durchzogen, von Menschen bewohnt. Es wogt, nichts kann bleiben wie es eben noch war, auch hier Wandel.
Die freien Landschaften sind intime Korrespondenzen mit der Natur, festgemacht an einer Baumreihe, einem Wiesenweg oder einem Wasserlauf. Zugleich sind es formale Erkundungen auf der Fläche, Farbakkorde werden angestimmt, Raumstrukturen erprobt.
Üppig die Blumenbilder. Die Blüten voll aufgeblüht, offenbaren diese kurze hohe Mitte, in der Vollendung und Vergehen sich treffen.
In den Porträts werden mit wenigen Pinselschlägen innere Befindlichkeiten im äußeren Habitus greifbar. Oft nur die Gesichter, streng frontal, der Ausdruck konzenztriert auf die Augen. Selten gibt es von einer Person nur ein Porträt. Auch hier Variationen, wieder und wieder werden die zu Malenden neu gesehen. Eben noch behutsam, tastend, dann wie unter Druck freigesetzt, festgeschrieben, gefunden.
Hinzu kommen die Bilder, in denen Landschaft und Figur wechselweise einander ausgesetzt werden, sich Größenverhältnisse verkehren, Perspektiven wechseln. Eine Figur kann groß, beinah trotzig in eine Landschaft geschrieben werden, diese überwachsen. Andere ordnen sich fast übergangslos unter, werde quasi selbst zur Landschaft. Hände können auftauchen, als seien sie selbständige Wesen, die Botschaften weitergeben.

Die großformatigen Zeichnungen hingegen sind lapidar, lassen die Linien des Kohlestifts behutsam gegen die Kaseinfarbe zur Wirkung kommen. Sparsam nur ausgeschrieben, bleibt der weiße Grund des Papiers Schwingungsraum für das, was sich konkret auf ihn geschrieben hat. Körper und Köpfe, verfangen in tänzerischen Gebärden, den eigenen Raum zu finden, in ihm beheimatet zu sein. Schmiegsam, ruppig, direkt, Abbrüche mitten im Zeichnen, das Nicht-Fertige als Lebensmöglichkeit.

Ihre Keramiken scheinbar eine Welt für sich. Neben den Vasen, Lampen und Figurinen zeigen sich die kleinen reliefähnlichen Objekte besonders dekorativ, ein wenig von oben herab. Spielereien mit doppeltem Boden, fast kindlich, scheinen sie über den Zufall ihre Form gefunden zu haben. Die Oberflächen bestimmt von Fingerspuren, blühen diese Gebilde in farbigen Glasuren auf, heiter, dekorativ, regellos. Wandzeichen, wie aus den Bildern geflohen, weil sie dort nicht anzusiedeln sind. Es sei denn, sie werden direkt auf Holz montiert, Zeichnungen verbunden, doch das ist etwas anderes.

Ich sehe, begreife, sie wird fühlbar in diesem besonderen Arbeitsreich, die nie abgeschlossene Suche nach dem eigenen Land. Grenzregionen, Sucht nach Lebendigsein wie der Wunsch nach einer dunkel bergenden Mitte. Wie weit kann man greifen, was beiseite stoßen, welchen Berg muss man bezwingen, welchen darf man umgehen. Erstaunliche Offenheit, die Künstlerin arbeitet ohne Visier, gibt sich voll aus, begibt sich in ihre Kunst, ganz und gar, muss es.

Ina Gille