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Stephan König "Haddock"
Chorkantate zum Exil des Thomanerchores in der Fürstenschule St. Augustin Grimma nach dem Bombenangriff auf Leipzig am 04.12.1943

Foto: A. Birkigt

Uraufführung: 17. Juni 2015, Thomaskirche Leipzig Oper Leipzig Bachfest Leipzig 2015

CD Chansonettes und Bach

Mitwirkende: Leipziger Cantorey, Thomanerchor Leipzig, Staatskapelle Weimar, Leitung: Alt-Thomaskantor Georg Christoph Biller

Foto: A. Birkigt

Auftragswerk des Bach-Archivs Leipzig (2015), gewidmet Thomaskantor Georg Christoph Biller

Anm.: „Haddock“ (dt.: „Schellfisch) war der Codename für Leipzig als Ziel westalliierter Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg.

Anm.: die Texte Psalm 119:105 und Rm. 15:13 sind im Kleinen Festsaal (ehemals Betsaal) der Fürstenschule St. Augustin Grimma als Spruchband an den Wänden zu sehen.

3 Gedichte Else Lasker-Schüler:
Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Band 1: Die Gedichte, © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1996

Anm.: „Willkommen“ in den Sprachen Deutsch, Englisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Afrikaans, Arabisch, Türkisch, Hindi, Chinesisch, Japanisch, Indonesisch, Koreanisch.


TEXTE
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Dein Wort ist meine Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. (Psalm 119:105)
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Else Lasker-Schüler „Gebet“ (aus Else Lasker-Schüler „Mein blaues Klavier“, 1943)
Oh, Gott, ich bin voll Traurigkeit ...
Nimm mein Herz in deine Hände –
Bis der Abend geht zu Ende
In steter Wiederkehr der Zeit.
Oh Gott, ich bin so müd, oh, Gott,
Der Wolkenmann und seine Frau,
Sie spielen mit mir himmelblau
Im Sommer immer, lieber Gott.
Und glaube unserm Monde, Gott,
Denn er umhüllt mich mit Schein,
Als wär ich hilflos noch und klein,
- Ein Flämmchen Seele.
Oh, Gott, und ist sie auch voll Fehle –
Nimm sie still in deine Hände ...
Damit sie leuchtend in dir ende.
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Your word is a lamp to my feet and a light to my path. (Psalm 119:105)
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Stephan König „vertrieben“ (2014)
verabschieden verachten verändern verängstigen veranlassen verantwortlich verarmen verbarrikadieren verbergen verbiegen verbieten verbinden verbittern verblassen verbleiben verbleichen verblenden verblöden verblühen verbluten verborgen verboten verbrannt verbrauchen verbrechen verbreiten verbrennen verbringen verbrüdern verbünden verbunkern verbüßen verdächtigen verdammen verdanken verdecken verderben verdienen verdingen verdorben verdorren verdrängen verdrecken verdrossen verdrücken verdummen verdunkeln verdünnen verdursten verdüstern vereidigen vereinbaren vereinsamen vereint vereinzelt vereist vereiteln verenden vererben verfahren verfallen verfälschen verfaulen verfehlen verfeinden verfemen verfeuern verfilzen verfinstern verflixt verflossen verfluchen verflüchtigen
verfolgen verfrachten | verfremden verfroren | verfügen vergänglich | vergasen vergattern | vergeben vergeblich |
vergelten vergessen | vergittern vergleichen | verglühen vergnügen | vergöttern vergraben | vergraulen verhaften | verhalten verhandeln | verhängen verhärten | verhasst verheerend | verheilen verheißend | verhetzen verhindern | verhöhnen verhören | verhüllen verhungern | verirren verjagen | verjähren verkaufen | verkehrt verklagen
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Else Lasker-Schüler „Abends“ (aus Else Lasker-Schüler „Mein blaues Klavier“, 1943)
Auf einmal musste ich singen -
Und ich wusste nicht warum?
- Doch abends weinte ich bitterlich.
Es stieg aus allen Dingen
Ein Schmerz, und der ging um
- Und legte sich auf mich.
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verkommen verkraften | verkriechen verkrümmen | verkrüppeln verkrusten | verkümmern verkünden |
verlassen verlaufen | verlausen verleben | verleiten verlesen | verletzen verleugnen | verleumden verlieren |
verlogen | verloren

Else Lasker-Schüler „Die Verscheuchte“ (1934)
Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich -
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.
Wie lange war kein Herz zu meinem mild...
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
- Komm bete mit mir - denn Gott tröstet mich.
Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend - ja ich liebte dich...
Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.
Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt-
Auch du und ich.

verlöschen verlumpen
vermauern vermeiden
vermelden verminen
vermissen vermitteln
vermüllen vermummen
vermutlich vernagelt
vernarben vernehmen
vernetzen vernichten
veröden verordnen
verpassen verpflegen
verplombt verprügeln
verraten verrecken
verraten verrecken
verriegeln verrinnen
verrohen verrückt
versagen versammeln
versäumen verschanzen
verschärfen verscharren
verschieden verschleiern
verschleppen verschlimmern
verschlossen verschmähen
verschmutzt verschnaufen
verschollen verschonen
verschüchtern verschuldet
verschütten verschweigen
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Ta parole est une lampe à mes pieds, Et une lumière sur mon sentier. (Psaume 119:105)
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verschwinden verseuchen | versiegen versinken | versorgen verspotten | versprochen verspüren |
verständigen verstehen |
verstohlen verstolpern | verstorben verstört | verstummen versuchen | versündigen versammeln versäumen |
verschärfen verschieden | verschleppen verschlimmern | verschlossen verschmutzt |
verschnüren | verschonen | verteidigen verteilen | verteufeln vertieren | vertrauen vetreiben vertrauen vetreiben
vetreiben vetrieben
vertrösten vertuschen | verursachen verurteilen | verwahrlosen verwaisen | verwandeln verwechseln |
verweigern verweilen | verweint verwelken | verwesen verwinden | verwitwet verwundet | verwüstet verzagen |
verzeihen | verzweifeln |
verzweifeln | verzeihen
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Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben,
damit ihr überreich seid in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Rm. 15:13)
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Fotos von der Uraufführung: Gert Mothes, www.gertmothes.de



PRESSE

Leipziger Volkszeitung, 19.06.2015
Von PETER KORFMACHER
(...) am Vorabend, als Biller im Rahmen des Bachfestes auf der Orgelempore seiner Thomaskirche das letzte Mal vor seiner Verabschiedung aus dem Amt dirigieren durfte. Bezeichnenderweise nicht Bach. (...) Biller selbst hat sich eine Uraufführung aufs Pult gelegt: "Haddock" des Leipzigers Stephan König (Jahrgang 1963). "Haddock" ist Englisch und heißt Schellfisch. "Haddock" war der Code-Name der Alliierten für die Bombardierung Leipzigs im Jahr 1943. Und unter diesem Titel hat König eine große chorsinfonische Kantate über Flucht und Heimat, Hoffnung und Versöhnung geschrieben. Das ist zwar, schließlich ist Biller Widmungsträger und Anstoßgeber, eher neue Musik als Neue Musik, aber doch ein gewichtiges Werk: hochemotional, von filmmusikalischer Wirkungsmacht, aber nicht auf den Effekt bedacht, sondern auf geistige Tiefe und Durchdringung. Genau das Richtige für Biller mithin, der mit der Staatskapelle Weimar und seiner Leipziger Cantorey eindringliche Bekenntnismusik daraus macht. (...)

Leipziger Volkszeitung, 19.06.2015
Von DOMINIC WELTERS
(...) Die Tabletten scheinen nur bedingt zu wirken, denn die Banknachbarin hustet trotz heftigster Lutsch-Tätigkeit bei jeder Gelegenheit. Das ändert sich, als Alt-Thomaskantor Georg Christoph Biller die ihm gewidmete Kantate "Haddock" aus der Kompositionsfeder der hiesigen Jazz-Größe Stephan König leitet (Lesen Sie dazu auch Seite 9). Die Leipziger Cantorey und die Weimaer Staatskapelle legen unter Billers Dirigat eine fantastische Uraufführung hin. Jedes noch so ausgedehnte Pianissimo bleibt ohne Räusper-Attacke. Dann der Moment des nicht enden wollenden Beifalls, weil das Gros des Publikums weiß, welch' besonderem Moment es gerade beigewohnt hat. (...)


Kreuzer Leipzig online, 06/2015
Von CLAUDIA LINDNER
(...) Königs chorsinfonische Kantate "Haddock" war das Auftragswerk des Bachfestes. Er thematisiert dabei ein Stück Leipziger Stadtgeschichte, indem er die Flucht des Thomanerchores im 2. Weltkrieg nach Grimma mit Psalmen und Exil-Gedichten von Else Lasker-Schüler vertont. Der Komponist nimmt den Duktus der Dichterin auf, schafft poetisch-schroffe Stimmungsbilder. Frenetisch bejubelt verbeugt sich ein sichtlich bewegter Alt-Thomaskantor von der Empore ins Publikum der ausverkauften Thomaskirche. Es war Billers vorerst letztes Konzert mit dem Thomanerchor.

ELSE-LASKER-SCHÜLER-GESELLSCHAFT - BRIEF IV. QUARTAL 2015
ELS meets JSB
Leipzig, Bachfest 2015. Thomaskantor Christoph Georg Biller dirigierte am 17. Juni sein letztes Konzert im Amt mit der ihm selbst gewidmeten Chorkantate »Haddock«, komponiert vom Leipziger Komponisten Stephan König. Ein zeitgenössisches Werk für Soli, Chor und Orchester. Das Besondere ist: gleich drei Exil-Gedichte von Else Lasker-Schüler aus dem Zyklus »Mein blaues Klavier« sind darin als Zentrum des Werkes vertont worden – Gebet (Oh Gott ich bin so müde), Abends (Auf einmal musste ich singen) und Die Verscheuchte (Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt). Soweit bekannt, ist es das erste Mal, dass die größte deutsch-jüdische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts an der Wirkungsstätte des größten deutschen Kirchenmusikers, Johann Sebastian Bach, in der Thomaskirche zu Leipzig – und das 70 Jahre nach ihrem Tod – musikalisch zu Gehör kam. »Haddock«, so der Name der Kantate, war der Codename der Alliierten im Zweiten Weltkrieg für die Bombardierungen Leipzigs. Stephan König schuf eine knapp halbstündige, dichte Komposition, in der er Psalm 119:105 »Dein Wort ist meines Fußes Leuchte« in den Sprachen der damaligen Feinde – Deutsch, Englisch, Russisch, Französisch – verschränkt mit den Lasker-Schüler-Gedichten und einer eigenen Text-Collage, die nur »ver-«-Wörter beinhaltet, wie vertreiben, verachten, verbluten, verfaulen, verfolgen, vergittern, vergasen... So werden Exil und Holocaust musikalisch-lyrisch benannt. Zum Schluss wird eine wunderbare Choralapotheose des Friedens aus Römer 15 gegen das Grauen gesetzt »Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude...« Man darf mit Fug und Recht sagen, dass Stephan König ein Werk von großem gedanklichen Tiefgang geschaffen hat, das klanglich seine Zuhörer nicht überfordert und in Aufbau, Instrumentation und thematischer Arbeit von großem Können zeugt. Der Livemitschnitt des MDR wird als CD herauskommen.
Karl Bellenberg



 
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